Sapiosexuell: Was der Begriff über Anziehung sagt und was nicht
Sapiosexuell beschreibt sexuelle Anziehung, bei der der Intellekt einer Person besonders wichtig ist. Das Wort kann eine eigene Erfahrung benennen. Es bedeutet mehr, als gern interessante Gespräche zu führen, und legt nicht fest, zu welchen Geschlechtern du dich hingezogen fühlst.
Was bedeutet sapiosexuell?
Bei dem Begriff geht es um geistige Eigenschaften als Auslöser oder wichtigen Teil von Anziehung. Das Queer Lexikon erläutert diese Verwendung. Es ist damit nicht einfach jede Freude an Wissen oder an einer guten Unterhaltung gemeint.
Du kannst deine Erfahrung konkreter beschreiben als mit dem Wort allein. Vielleicht merkst du bei einem Gespräch, dass dich der Blickwinkel einer Person neugierig auf mehr Nähe macht. Oder du schätzt ihre Gedanken, ohne eine solche Anziehung zu empfinden. Du musst aus beidem keine Bewertung der Person machen.
Wie geistiger Austausch im Alltag eine Rolle spielen kann
Stell dir vor, zwei Menschen kommen bei einem Gespräch über ein gemeinsames Interesse ins Nachdenken. Eine Person fühlt sich besonders angesprochen, weil die andere aufmerksam zuhört, eigene Gedanken teilt und neugierig auf eine andere Sichtweise eingeht. Für sie kann dieser geistige Austausch mit Anziehung verbunden sein.
Ein Gegenbeispiel: Jemand kann ein kluges, lebhaftes Gespräch sehr genießen und die andere Person sympathisch finden, ohne romantische oder sexuelle Anziehung zu empfinden. Ein gutes Gespräch ist daher kein Test und kein Beweis für eine bestimmte Orientierung.
Sapiosexuell, Vorliebe und Demisexualität
Diese Begriffe setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Die folgende Tabelle ist eine Orientierung und ersetzt nicht die eigene Erklärung einer Person.
| Begriff | Schwerpunkt | Was daraus nicht automatisch folgt |
|---|---|---|
| Sapiosexuell | Geistige Eigenschaften sind für sexuelle Anziehung besonders wichtig. | Der Begriff legt weder fest, welche anderen Eigenschaften wichtig sind, noch zu wem sich eine Person hingezogen fühlt. |
| Vorliebe für anregende Gespräche | Gespräche oder bestimmte geistige Eigenschaften werden besonders geschätzt. | Eine Vorliebe bedeutet nicht zwingend, dass damit die eigene sexuelle Orientierung beschrieben wird. |
| Demisexualität | Der Begriff beschreibt eine Form sexueller Orientierung, bei der sexuelle Anziehung nur zu Menschen erlebt wird, zu denen eine emotionale Bindung besteht. | Eine emotionale Bindung ist Voraussetzung, aber keine Garantie für sexuelle Anziehung. |
Das UCSF Glossar beschreibt Demisexualität über die emotionale Bindung. Die Begriffe schließen sich nicht zwangsläufig aus. Wer geistigen Austausch schätzt, muss sich nicht sapiosexuell nennen. Und wer sapiosexuell als Selbstbeschreibung nutzt, kann zusätzlich andere Wörter für die eigene Erfahrung verwenden.
Den Begriff für dich oder im Gespräch verwenden
Wenn du über dich selbst sprechen möchtest, kannst du das Wort verwenden und bei Bedarf ergänzen, was du damit meinst: „Für mich ist ein anregender geistiger Austausch bei Anziehung wichtig.“ Du kannst aber auch eine einfache Beschreibung wählen, wenn sich ein Etikett nicht passend anfühlt.
Wenn eine andere Person sich sapiosexuell nennt, frag offen nach, statt aus dem Wort weitere Eigenschaften abzuleiten. Zum Beispiel: „Was bedeutet sapiosexuell für dich?“ So kann die Person ihre eigene Verwendung erklären.
Interesse ohne Rangliste ausdrücken
Das Konzept wird auch kritisiert: Queer Lexikon nennt die Gefahr, Begehrtheit an vermeintliche Intelligenz zu koppeln. Ein persönliches Gefühl ist keine Bewertung, wie viel ein anderer Mensch wert ist. Auch ein Abschluss oder Beruf beantwortet nicht, ob zwischen euch Anziehung entsteht.
Wenn du ein Kompliment machen möchtest, benenne etwas Konkretes. „Dein Gedanke hat mich überrascht, ich möchte mehr davon hören” sagt, was dir gefallen hat. „Du bist endlich mal jemand auf meinem Niveau” wertet dagegen andere Menschen ab und macht aus der Begegnung einen Vergleich.
Du musst ein Kennenlernen auch nicht wie ein Prüfungsgespräch führen. Fragen wie „Was hat dich zuletzt neugierig gemacht?” oder „Worüber könntest du lange reden?” laden zum Erzählen ein. Ob daraus Nähe entsteht, könnt ihr offenlassen. Ein gutes Gespräch verpflichtet niemanden zu einer Fortsetzung als Date.