Enthaltsamkeit: Was sexuelle Abstinenz für dich bedeuten kann
Sexuelle Abstinenz bedeutet, dass du auf sexuelle Aktivitäten verzichtest. Was für dich dazugehört, kann unterschiedlich sein: Vielleicht meinst du Sex mit anderen, vielleicht auch sexuelle Berührungen oder Selbstbefriedigung. Die Entscheidung kann für eine bestimmte Zeit gelten oder offenbleiben. Du darfst selbst festlegen, was du möchtest und was nicht. Wenn du mit anderen darüber sprichst, hilft es, deine konkrete Grenze zu nennen, statt dich auf ein Wort zu verlassen, das unterschiedlich verstanden werden kann.
Auch Sexualität bedeutet für Menschen Unterschiedliches. Abstinenz sagt für sich genommen nicht, warum du dich dafür entscheidest. Du musst dafür keine Erklärung liefern und auch keine spätere Änderung versprechen.
Was möchtest du im Moment ausschließen?
Du musst nicht schon wissen, wie du dich für immer entscheiden wirst. Es kann reichen, deine aktuelle Grenze zu klären. Überleg zum Beispiel:
- Was möchte ich gerade nicht?
- Welche Formen von Nähe sind für mich angenehm, falls überhaupt welche?
- Was ist noch offen, und worüber möchte ich gerade nicht sprechen?
- Möchte ich meine Entscheidung irgendwann für mich neu betrachten, ohne mir eine Änderung vorzuschreiben?
Vielleicht möchtest du keinen Sex, aber gern küssen. Vielleicht möchtest du auch keine sexuelle Berührung, aber Zeit miteinander verbringen. Oder du bist dir noch nicht sicher, welche Nähe sich gut anfühlt. All das kannst du sagen. Eine Grenze muss weder umfassend noch endgültig erklärt werden.
So kannst du es ansprechen
Ein Gespräch in einem ruhigen Moment kann es leichter machen, als erst dann darüber zu sprechen, wenn du dich bereits unter Druck fühlst. Sag möglichst konkret, was für dich gerade gilt. Du könntest zum Beispiel sagen:
- „Ich möchte im Moment keinen Sex. Ob Küssen für mich passt, merke ich lieber in der Situation.“
- „Ich möchte gerade keine sexuelle Berührung. Zusammen Zeit zu verbringen ist für mich trotzdem schön.“
- „Ich weiß noch nicht genau, welche Nähe sich gut anfühlt. Bitte frag mich, statt etwas anzunehmen.“
- „Ich möchte jetzt aufhören. Bitte respektiere das.“
Wenn dir eine andere Person von ihrer Abstinenz erzählt, kannst du nach der Grenze fragen, statt nach einer Begründung: „Was ist für dich in Ordnung, und was möchtest du gerade nicht?“ Ein Nein ist keine Einladung zum Überreden. Du darfst eigene Wünsche haben und offen darüber sprechen; sie verpflichten niemanden, ihnen zuzustimmen.
Gemeinsame Zeit muss nicht auf Sex hinauslaufen
Wenn beide Lust darauf haben, kann Nähe ganz unterschiedlich aussehen: zusammen kochen, spazieren gehen, Musik hören, reden oder einfach nebeneinandersitzen. Küssen, Händchenhalten oder Kuscheln kommen nur dann infrage, wenn sie für alle Beteiligten willkommen sind. Sie sind weder ein Ersatz, den jemand leisten muss, noch eine Zusage für weitere Berührungen.
Ein erfundenes Beispiel: Lea könnte sagen: „Ich möchte keinen Sex. Beim Kuscheln bin ich mir noch nicht sicher. Wollen wir erst einmal zusammen kochen?“ Sam könnte antworten: „Gern. Wir können danach einfach den Abend so ausklingen lassen, wie es für uns beide passt.“ Wenn Lea später lieber Abstand möchte, ist das kein Widerspruch und keine Zurückweisung, die sie ausgleichen muss. Gemeinsames Kochen darf einfach eine vollständige Verabredung sein.
Du kannst jederzeit stoppen
Du darfst eine Grenze auch dann aussprechen, wenn eine Begegnung schon begonnen hat. Wenn du nicht weitermachen möchtest, reicht etwa: „Stopp, ich möchte das nicht weiterführen.“ Die andere Person sollte aufhören und deine Entscheidung respektieren, nicht weiterverhandeln. Du darfst auch während einer sexuellen Begegnung abbrechen; dafür musst du dich nicht rechtfertigen.
Wenn jemand dir eine Grenze nennt, nimm sie ernst, auch wenn du enttäuscht bist. Enttäuschung darf da sein, begründet aber keinen Anspruch auf Sex oder andere Nähe. Wenn ihr gerade nicht weiterreden möchtet, könnt ihr das Gespräch vertagen. Die ausgesprochene Grenze gilt trotzdem.
Wenn eure Wünsche länger auseinandergehen
Ein Nein zu Sex muss nicht ausdiskutiert werden. Trotzdem dürft ihr darüber sprechen, was ihr euch auf Dauer von eurer Beziehung wünscht. Das sind zwei verschiedene Gespräche: Die aktuelle Grenze gilt sofort; die Frage, wie ihr gemeinsam leben möchtet, braucht vielleicht mehr Zeit.
Du könntest sagen: „Ich will dich nicht zu Sex überreden. Mir fehlt körperliche Nähe, und ich möchte ehrlich darüber sprechen, was für uns beide möglich ist.“ Die andere Person könnte antworten: „Ich weiß noch nicht, ob sich mein Wunsch verändert. Ich möchte dir kein Versprechen geben, das ich nicht halten kann.“
Eine Lösung kann auch darin bestehen, unterschiedliche Vorstellungen anzuerkennen. Niemand muss Sex anbieten, um eine Beziehung zu behalten. Umgekehrt muss niemand so tun, als wären die eigenen Wünsche unwichtig. Ihr könnt Unterstützung für das Gespräch suchen oder überlegen, ob die Beziehung in ihrer bisherigen Form noch zu euch passt.